KUNST-POSTKARTEN ÜBERMALT VON STRAWALDE (Jürgen Böttcher)
Das Schokoladenmädchen
Jean-Etienne Liotard (1702 - 1789)
Gemäldegalerie Dresden
Format 82,5 cm x 52,5 cm
Schlummernde Venus
Giorgione (um 1477 - 1510)
Gemäldegalerie Dresden
Format 108,5 cm x 175 cm
Texte von A.R.Penck und
Wolf Biermann
Während der „Mauer" und danach
Herausgeber Martin Rögener
Verlag Johanna Schwarz-Rögener
Humboldtstr. 128, 22083 Hamburg,
Tel. 040/2297142

„Meinungen und Ansichten über Kunst mitzuteilen ist geradezu Sünde... Kritik zu üben, ist eine abscheuliche Angelegenheit, und wer die Neigung zum Kritisieren verspürt, sollte dieses Unkraut mit Stumpf und Stiel auszurotten versuchen! Sie offenbart die Halbbildung und Gefühlsroheit des Durchschnittspublikums. Die Sucht, zu kritisieren, kommt aus einem Ansteckungsstoff, der sich in Massenansammlungen Halbgebildeter entwickelt. Der gesunde Mensch will genießen. Es gilt daher, die Kraft des Herzens zu entfalten.

...Wissen, das man nicht zu gebrauchen gelernt hat, ist in künstlerischen Dingen – wie überall – oft geradezu schädlich. Kunstgeschichte, die nicht auf eigener Erfahrung beruht, sei verpönt. Sie gehört meist in den Bereich der feineren und derben Komik. Wenn einer in der Schule Kunstgeschichte gelernt hat, kann er sich für nichts mehr vom Herzen her interessieren; denn das Herz, auf das es ankommt, hat nichts gelernt!"

So ungefähr urteilte A. Lichtwark vor einhundert Jahren in seinem Werk „Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken".

Du hast also recht, lieber Jürgen, wenn Du meinst, Deine Postkarten-Übermalungen sprechen für sich. Es bedarf keines Textes, keiner kunsthistorischen Zuordnung. „Wer ein Herz hat zu fühlen, kann sich an Kunst erfreuen" schreibt Lichtwark.

Weil ich ihm in diesen Urteilen weit folge lasse ich statt meiner Wolf Biermann und Ralf Penck zwei Deiner Künstler-Freunde zu Wort kommen.

Zuvor aber noch ein Zitat aus dem Brief von Wolf Kypke ’Aus dem Blickwinkel eines Banausen’:

„... und dann die ,Übermalungen’, ein Wort ganz ohne Fleisch für mich bisher. Strawalde (Jürgen Böttcher) nimmt eine kleine Kunstpostkarte, ein bekanntes Motiv, benutzt es wie eine Melodie und fängt an zu paraphrasieren, kontrapunktet mit seinem Pinsel durch die Kunstgeschichte und Stile, spielt mit Formen und Farben um sein Objekt herum und über sein Objekt hinweg. Das Auge ist entzückt.

... Ganz nebenbei läßt sich aus diesen kleinen übermalten Karten in wenigen Minuten mehr über Farbbalancen, Gleichgewichte und Ungleichgewichte, von Strichen und Verschattungen, über Verhüllungen und Enthüllungen lernen als sich aus manchem dicken Kunstband in Stunden herauspressen ließe...

Das ist keine Kopie mehr, kein Nachfahren eines anderen, kein Hineinschlüpfen in etwas, um dieses Etwas mit einer neuen Haut zu versehen. Das ist der Rhythmus des Jongleurs mit seiner ganzen Lebenserfahrung als Maler, der spielt, weil es ihm Spaß macht.

... Das ist es: ihm macht es Spaß, und mir bereitet es Vergnügen. So treffen sich Künstler und Banause."

 


Jürgen Böttcher
der Dokumentarfilmer und Maler aus der DDR

Martin Rögener, Mai ‘89

Ich wußte nichts von Böttcher, wenig von der DDR. Penck kennt man hier im Westen, gewiß, die fröhliche Malwut aus Dresden, der eine große Nummer auf dem westlichen Kunstmarkt wurde, dessen Bilder in New York und Tokyo und Köln hängen.

Seit ich aber weiß, daß der große Penck mit seinem kleinen Menschennamen Ralf Winkler heißt, seit ich weiß, wer sein wichtigster Lehrer in Dresden war, möchte ich dazu einladen, einen Dokumentarfilmregisseur und Maler kennenzulernen, von seinen Neidern giftig und treffend Genieböttcher genannt: Jürgen Böttcher aus der DDR.

Böttcher ist ein „akademisch ausgebildeter" Maler, der 1949 bis 1953 an der Akademie für Bildende Künste in Dresden studierte. Das war eine gut gemischte Zeit, eine lebendige Zwischenzeit. Die Blut- und Bodenkunst der Nazis war abserviert, und die rigiden Normen der stalinistischen Ästhetik des sozialistischen Realismus waren noch nicht total durchgesetzt. Vieles war noch offen, verfolgte antifaschistische Künstler kamen wieder an die Oberfläche, die „Entarteten" wirkten als Lehrer und als Beispiel und Vorbild für die Jungen. Leger, Braque, Klee, Beckmann, Miro. Picasso kam dem jungen Böttcher ins Blickfeld und begeisterte ihn – und nicht nur mit seiner Friedenstaube.

In den folgenden Jahren wurde für die bildende Kunst in der DDR der erlaubte Blickwinkel enger und enger, die großen Maler der westlichen Avantgarde wurden bald schon als dekadent verschrien. Die sowjetische Malerei mit ihrem verlogenen Pathos, mit ihren wasserdichten Parteihelden und gesunden drallen Mädels auf’m Mähdrescher wurde das Maß der DDR-Kunst. Es könnte sein, vielleicht wird Böttcher dazu etwas erklären können, daß auch dies ein Grund für ihn war, vielleicht halb bewußt, vielleicht ganz hinterm eignen Rücken, daß er abschwirrte auf Nebenwege; er geriet hin zum Dokumentarfilm. Dies sind einige seiner Dokumentarfilme:

„Wäscherinnen": Junge Frauen in einer volkseigenen Großwäscherei. „Ofenbauer": Arbeiter, die einen fertigen riesigen Koloß von Hochofen auf Schienen setzen und in der Deutschen Demokratischen Landschaft bewegen. Weiber, die in einem Chemiekombinat am Fließband schuften und ein seltenes Exemplar von Parteisekretär haben, ein Mann, ein Mensch, wie er im Buch steht und im Leben nicht vorkommt und: den es trotzalledem wirklich gibt: „Der Sekretär". Und „Drei von Vielen", drei junge Kerle in Dresden, ein Chemigraph, ein sogenanntes asoziales Element und ein Lastkraftwagenfahrer, die alle drei nebenbei die Hauptsache machen: Bilder malen ! Zeichnen !

Wenn in ein paar hundert Jahren die Erde uns noch hat, und wenn dann ein Mensch wissen will, wie es damals war in diesem kleineren Teil des zerrissenen Landes, nicht auf der Königsebene der Funktionäre, sondern im normalen Menschenleben, dann wird man die Filme dieses Böttcher gut brauchen können.

Mit seinen Dokfilmen wurde er in der DDR bekannt, gefürchtet, bewundert, beneidet, nachgeahmt. Er wurde, ob er es darauf anlegte oder nicht, zum Lehrer jüngerer Leute. Dabei belehrte er einmal durch sein Beispiel – aber er belehrte auch durch Belehrung. Er versteht es offenbar, scharf in ästhetischen Kategorien zu denken, und er kann junge Künstler durch seine Rede begeistern und zu eigener Produktion anstacheln. Dabei kommt ihm zugute, daß er sich sicher in den Extremen bewegt: Malerei und Dokumentarfilm.

Niemand ist im besten Sinne „niedriger" an der Wirklichkeit dran als Böttcher mit seinen bewegten Bildern über die sogenannten einfachen Leute in der DDR – aber wenige waren auch in den finstersten Zeiten der stalinistischen Kunstzensur freier in ihren Mitteln als der Maler Böttcher mit seinen bewegenden Tafelbildern. Dabei kam ihm zugute, daß er sein Geld mit Filmerei beim DEFA-Dokumentarfilmstudio verdienen konnte, aber nie darauf angewiesen war, von seiner Malerei zu leben. So ist es auch kein Wunder, daß gerade er es war, der Ralf Winkler (Penck) auf den Weg brachte. Und es mag eine Zeit kommen, in der die Malereien Böttchers öffentlicher und ebenso wichtig werden wie seine Filme. Es ist gerade diese extreme Nichtentsprechung der beiden gegensätzlichen Medien, derer er sich in all den Jahren gleichzeitig bediente, die uns neugierig macht. Wie das in einer Menschenbrust zusammengeht, welche tiefere gemeinsame Ästhetik hinter diesen beiden grundverschiedenen Ausdrucksformen steckt, das macht uns äußerst neugierig und gerade das könnte für Studenten der Bildenden Künste eine fruchtbare Anregung sein.

Jürgen Böttcher hangelte sich von Film zu Film, manche Filme kriegten Preise, andere landeten im Panzerschrank. Schwer geschüttelt zwischen Parteiverfahren und Nationalpreis.

Aber auch die Film-Funktionäre, die ihn gelegentlich zwangen, in Sack und Asche zu gehn, drückten nie ganz und gar zu, sie ließen ihm immer noch ein bißchen Luft, man weiß ja nie, wie sich die Zeiten ändern...

Nun ändern sich die Zeiten rapide. Auch die DDR ist im Sog des Großen Bruders. Mit Hängen und Würgen, mehr oder weniger halbherzig, die Fesseln lockern sich und werden womöglich bald ganz abgeworfen.

Wir freuen uns, daß Jürgen Böttcher jetzt mit seinen Filmen, mit seiner großen Lebens- und Kunsterfahrung uns besucht – und wir hoffen, daß er in den nächsten Jahren nicht nur mit einigen seiner berühmt gewordenen Dokumentarfilme zu uns kommen kann, sondern auch mit einem kleinen Lastwagen voll Bildern und Zeichnungen, damit wir in der dialektischen Spannung dieser beiden konträren Sprachen den einen lebendigen Menschen ganz sehen, wie er sich geändert hat in sehr wechselhaften Zeiten und wie er sich gerade dadurch treu blieb.


Wolf Biermann, März ‘90

Dies ist die Ankündigung einer Lehrtätigkeit des Jürgen Böttcher an der Hamburger Kunsthochschule. Im Mai ‘89 schrieb ich diesen Text, das war vor einem halben Jährchen, also eine ganze Epoche her, bevor die Novemberrevolution in der DDR das alte Regime wegfegte.

Ich schrieb diesen Text damals als eine Art Ghostwriter für Martin Rögener, der an der Hochschule für Bildende Kü nste in Hamburg lehrt. Dieses Versteckspiel war leider nötig, denn mein Name unter einem solchen Kurzportrait meines Freundes hätte alles verdorben. Wir hatten uns vorgenommen, Jürgen Böttcher mit einer Gastprofessur die Gelegenheit zu verschaffen, leichter in den Westen zu reisen.

Mein egoistischer Wunsch: Ich wollte meinen anstrengenden Freund gelegentlich wieder sehn, ich hoffte, wir könnten einander nun regelmäßig in Hamburg treffen.

Andererseits war diese Einladung kein Vorwand. Ich bildete mir ein, Jürgen Böttcher könnte den Hamburger Kunststudenten was Brauchbares liefern, ästhetische Erfahrungen, die in der DDR von ihm nie abverlangt worden waren, weil die Kulturbürokratie nicht wollte, daß einer wie Böttcher die jungen Leute mit unerwünschten künstlerischen Methoden und politischen Wahrheiten verseucht.

Nun kam uns die Weltgeschichte angenehm dazwischen. Wir haben solche rührenden Verrenkungen nicht mehr nötig. Jürgen Böttcher und all die anderen Künstler, die vom stalinistischen Staat kurzgehalten wurden, können sich nun frei in der Welt bewegen und – ihre Ware auf den Markt werfen.

Aber damit beginnt auch ein neues Kapitel von Problemen, Ängsten, Schwierigkeiten und sogar Bedrohungen, auf die Menschen wie Böttcher nicht gut trainiert sind. Im alten Regime werden die Künstler von den allmächtigen Kunstbestimmern gebissen und gefressen und oftmals schlecht verdaut. Brechts Haifisch, ja, der trägt seine Zähne altmodisch im Gesicht. Der kapitalistische Kunstmarkt frißt die Künstler auch, aber eben ganz anders. Dieses moderne westliche Raubtier leckt die Kunstlieferanten ab, es lutscht mit weichen Lippen und schluckt die Künstler im Ganzen, es mäkelt nicht rum an Punkt und Linie, es schreibt weder Formen noch Farben vor und es bevormundet nicht mal im Politischen. Der freie Markt zerbeißt seine Künstler erst später, nachdem er sie verdaut hat und sie wieder ausscheißt. Wieso? Der Kunstmarkt hat die Zähne halt im Hinterteil.

Freiheit aushalten kann schwerer sein als Unterdrückung, die gewohnt ist. Nun heißt es, einen potenten Galeristen finden. Nun gilt es, daß der Künstler sich geschickt der Massenmedien bedient, die sich seiner bedienen wollen.

Der Markt mit seinen Gesetzen, drängt den Maler fast automatisch in eine Masche, die dem zahlenden Pack in den Salons und Messen aufhält. Der Stil verkommt leicht zur Manier, damit jeder betuchte Dilettant den Markenartikel sogleich erkennt und bereit ist, sein schwarzes Geld in wertbeständigen Bildern anzulegen. Geschicklichkeiten in solchem Geschäft konnte man nicht in der DDR lernen, nicht in inquisitorischen Parteiversammlungen des Verbandes Bildender Künstler und nicht in hochnotpeinlichen Verhören irgendeiner Kulturkommission beim Rat des Bezirkes Schwerin.

Das östliche System bevorzugte die Kriecher, das westliche befördert die geschä ftstüchtigen Gaukler. Freilich, Schaumschläger hat es immer gegeben und zahlende Kunstbanausen auch. Aber zum Glück hängt der Erfolg im freien Kunstmarkt zu einem Teil auch vom Genie des Künstlers ab, von seiner wirklichen Schöpfer- und Schaffenskraft. Was das betrifft, sehe ich gute Chancen für meinen Freund, der es gewiß mit jedem aufnehmen kann, der im Moment als große Nummer gehandelt wird.

Aber dann kommt noch ein Problem dazu, über das der Künstler selbst wohl nicht sprechen würde: Der verletzte Stolz, die verletzte Eitelkeit. Zu lange wurde Jürgen Böttcher in der DDR unterschätzt und mit böser Absicht vergessen. Sowas macht auch die bescheidenste Frohnatur mit den Jahren böstraurig, bitterstolz und überempfindlich.

Mein Freund ist kein junger Mann, er malt immerhin seit 40 Jahren professionell. Und so einer ist dann gegen Abend doch zu stolz, sich im Zwielicht feilzubieten, grad weil er wohl weiß, wer er ist und welchen Rang er hat. Aber auf diesem brutalen Markt kann man nicht mit hochgezogenen Brauen und trotzigen Lippen in der Ecke stehn und erwarten, daß die Leute endlich von selbst merken, wo Gott wohnt.

Es müßte längst ein großes Kunstbuch mit Farbdrucken seiner Malerei geben und ein anderes Buch über Böttchers beispielloses Wirken als Dokumentarfilmer in der DDR. Vielleicht kann ja der Verlag der Kunst in Dresden solch ein angemessen repräsentatives Buch mit Böttchers Malereien und Zeichnungen herausgeben, jetzt, schnell noch, bevor dieser berühmte Kunst-Verlag von einem westlichen Konzern geschluckt sein wird. Dies wäre eine kleine Wiedergutmachung an wenigstens einem von all denen, die ein Leben lang in der DDR ihr Licht unter den Scheffel stellen mußten.

Wir sahen jetzt in der Hamburger Kunsthochschule auch Böttchers noblen Film über die Arbeit der Eisenbahn-Rangierer in einem Ostberliner Winter. Schnee wie Papier, Schienen wie Graphik. Auch wenn sich jemand einen Dreck für die dreckige Arbeit solcher Arbeiter interessiert und schon gar nicht für die Rangiererei von Güterwagen, liefert Böttchers Film einen Blues der Bewegung dieser Kolosse auf Schienen, eine vornehme grausgraue Farbigkeit, die auch den ausgekochtesten Ästheten entzücken muß.

Wir sahen nun auch Böttchers Experimentalfilm, in dem auf bewegendste Weise unbewegte Bilder abgefilmt sind: des Filmemachers eigene Postkartenübermalungen. Ja einfache Postkarten für 40 Ost-Pfennige das Stück, aus denen Böttcher kleine Kostbarkeiten macht: Klassische Werke der Malerei, aber übermalt in immer neuen Variationen. Eine wunderbar spielerische und phantasiereiche Nebenarbeit des Jürgen Böttcher, die doppelt neugierig auf seine Hauptarbeit macht.

Und damit bin ich endlich bei diesem Büchlein, das Martin Rögener herausgebracht hat. Einige der schönsten Übermalungen des Jürgen Böttcher sind hier zu sehen. Ich hoffe, das Buch gefällt diesem scheuen und doch menschengierigen Sonderling. Den Leuten, die dieses farbige Nebenwerk in die Hand kriegen, da bin ich sicher, wird es gefallen.

Wirklich gute Kunst schafft ja gelegentlich das Unmö gliche, sie entzückt beide: den Banausen wie den Kenner.


A. R. Penck über Jürgen Böttcher

aufgezeichnet von Martin Rögener am 26.07.89

Wenn man einen sehr starken Lehrer hat, wie Jürgen, muß man sehen, daß man sein eigenes Leben rettet, sonst ist man gefangen. Das ist das eine Dilemma, in dem man steckt. Das andere ist, wenn man dann selbständig ist, dann entstehen eben auch größere Spannungen.

Der ist eine so starke Persönlichkeit. Der hat uns alle richtig behext. Hexenmeister!

Ich war damals ziemlich jung gewesen. 13, 14 Jahre. („Drei von Vielen" ist etwas später entstanden, 1961 glaub ich.)

Ein Freund hatte mich in seinen Kurs mitgenommen, so, Du zeichnest doch gerne – und so waren wir dann hin. Und schon der erste Abend war beeindruckend, faszinierend!

Der Jürgen hatte seine spezielle Methode. Der hat bei jedem erkannt, was er ihm sagen muß, was für jeden wichtig war. (Der kann mit Leuten umgehen!) Der Jürgen hat ein außerordentliches pädagogisches Geschick und weiß, wie es geht, das ist wahr.

Dann haben wir ihn ja auch manchmal beeinflußt. Wir haben ja auch mal was eingebracht. Wie die Gruppe sich herausgebildet hat? Das war ja das Erstaunliche. Der war sehr offen, in dieser Zeit. Die Leute der damaligen Zeit waren völlig abgeschottet. Die waren zu, nicht kommunikativ. Jürgen hatte noch etwas von diesem Anfangsschwung, diese Aufbruchstimmung. Das hat Jürgen heute noch. Der denkt, das läst sich alles ändern.

Jürgen hatte am Kriegsende das ganz starke Erlebnis gehabt. Die brachten für ihn das Neue, das Bessere, das Gute. Das war die Befreiung. Und das war es für uns auch. Auch noch 1961 wäre für uns alle eine Übersiedlung in den Westen überhaupt nicht infrage gekommen. Nu, ich, ich hab schon mal gekuckt.

Die Volkshochschule, das war wirklich eine tolle Zeit! Jürgen war also ganz offen – und ich bin also auch hingegangen, ich war ja auch lästig und quälend manchmal. Das mußte so sein. Herrmann war da etwas schüchterner. Ja, die anderen waren voll berufstätig, ich auch mal so’n bischen, aber nicht richtig. Ich war eben etwas schwieriger. Jürgen hat sich immer die Zeit genommen, so, wie ich das zum Beispiel nie machen könnte. Ich wäre nicht so ein Mensch, der dem anderen die Zuwendung bringen könnte. Umgekehrt war es für ihn auch ganz gut, diese Nähe, die Wärme.

Da haben sich also Leute zusammengefunden, die offen miteinander waren, damals war alles schon so verkrustet. Das wurde alles starr, schematisch. Die Machthaber hatten damals mit Jürgens Arbeit Probleme. „Drei von Vielen". Sie hätten das ruhig zeigen können, aber die waren eben zu eng. Die haben das nicht geschnallt. Die hatten ihre Vorstellungen, wie alles zu sein hat, und das war eben beschränkt. Wir haben zwar im Rahmen der herrschenden Theorien gearbeitet, wir wollten nichts zerstören, waren auch keine Antikommunisten. Wir wollten im Rahmen der Ideologien was Gutes machen. Das ging aber nicht, weil die da oben zu eng waren, vernagelt?! Die wollten den Arbeiter im goldenen Rahmen! Unsere Arbeiter tragen die guten Lederschuhe von so und so. Es hat ja auch genug Leute gegeben, die das alles erfüllt haben. Und was aus denen geworden ist, das weiß man ja.

Irgendwann habe ich mich dann abgewendet und habe gesagt, wenn das nicht mit ihnen geht, dann gegen sie. Ich hatte für mich erkannt, so läuft da nichts. Mit Jürgen hatte ich dann in der Folgezeit weniger zu tun. Der Kontakt nahm ab. Das lockerte sich und wurde unverbindlicher.

Der Jürgen hat damit auch Probleme gehabt, daß man sich was Eigenes aufgebaut hat, weg wollte, mußte. Das ist ja klar, nützt aber nichts. Das geht mir mit Biermann genauso oder auch mit anderen Lehrern, einer, der hat mich ja noch mehr „gequält" als Böttcher, der kommt heute noch, Kettner (?), der mich heute noch verfolgt. Man hat es schon schwer, man muß sich von seinen Lehrern schon lösen! Ich mußte mich auch von Biermann lösen, das war auch so’n Typ, der unheimlich stark war – und der dadurch – sagen wir mal – viele Leute vereinnahmt hat. Leute, die dann geistig ihm geboren, oder so.

Ich selber bin nicht so ein Mittelpunktstyp. Ich muß einfach mein eigenes Leben retten. Ich will meine eigene Welt aufbauen. Daran arbeite ich noch. Und das war am Anfang wirklich nicht einfach. Man wußte ja gar nicht, wie und was. . . 1980 bin ich gekommen.

Ich war auch schon wieder „Drüben"... aber wieder zurück geh’ ich nicht. Da müßte man ja bescheuert sein. Dann fängt das nachher wieder an. Der Gorbatschow fällt, dann kommt wieder so’n blöder Diktator, und alles geht von vorne los. Nee, auf den Leim kriechen wir nicht mehr. Ich mein’, so übel, wie der Westen ist! Ich bin durch New York, Lower Eastside, durch, das ist schon übel. BRD?! Das ist dagegen ja eine OASE. Das ist ja nicht der Westen. Das ist doch nur künstlich gezüchtet, so wie West-Berlin. Eine Insel. Das ist ja nicht die Wahrheit des Westens, die Wahrheit des Kapitalismus, die ist ja nun tiefer, woanders. Gut, wenn man sich da raushalten kann, es gibt die Leute, die sich sagen: „ln schlechte Gegenden geht man nicht!" Dann gibt’s auch keine Probleme. Bis dann die schlechten Gegenden zu ihnen kommen! Ich hab mir das angesehen, und ich muß schon sagen, der Westen ist schon ziemlich übel. In Los Angeles, jeden Tag Tote. Und die, die zufällig sterben, weil sie gerade in der Gegend sind, die das dann mit erwischt, Schmetterlinge, die heißen da „butterfly"! – Oder hier in Hamburg – Hafenstraße, naa, gut, das wird gleich wieder zur Touristenattraktion umfunktioniert. Trotzdem sehe ich nicht, mit wem ich mich politisch engagieren sollte. Ich will meine eigene Welt aufbauen. Ich habe ja Sachen gemacht, so für die Grünen, mit Immendorf, aber das funktioniert alles nicht so richtig. Wir werden sehen, wie das ganze „Spiel" noch weitergeht.

Meine Kontakte zu Peter Herrmann, Peter Graf auch, ich war jetzt ja grade da, Neujahr war ich im Osten, die waren alle da. Die Beziehungen sind schon da, ich habe mich nicht abzugrenzen, ich will keine Mauern bauen, ich will meine eigene Welt, ich will meine eigene Organisation schaffen, ein eigenes System. Ich habe mich viel mit Systemen befaßt, habe gesehen, was andere gemacht haben und bin dazu gekommen, daß ich mein eigenes System haben will. So groß oder wie klein oder wie beschränkt das auch immer ist.Wenn ich von Organisation rede, meine ich etwas Praktisches, nichts Theoretisches. Wie ich leben will, ich will ja keine neue Philosophie verkünden. Ich will ein ganz praktisches System, innerhalb dessen ich ganz einfach leben kann, was mir auch Spaß macht, nicht langweilig ist. Das eine ist, daß es hier im Westen auch sehr schnell langweilig werden kann – das drüben hatte den Vorteil, daß man früher immer gezwungen war, Prinzipienfragen zu diskutieren, das war nie langweilig – im Westen ist das immer alles nur: „Schade, schade, schade!"

Die Leute meinen hier alle, der Penck ist ein Markenzeichen, da gibt’s Nachfrage ohne Ende, der hat es gebracht – wie es wirklich ist, weiß aber niemand. Das ist ja auch Teil des Systems. Man muß Geld beschaffen.

Wie ich arbeite? Ich arbeite nachts, soviel Schlaf brauch ich nicht, drei, vier Stunden. Habe hier das Atelier von Immendorff übernommen. Wir hatten ja mal so’n Arbeitskollektiv gegründet, das, was besteht, so’n bißchen infrage gestellt. Im Osten hat das alles ganz gut funktioniert, wo ich nun hergekommen bin, hat sich das für mich alles geändert. Die haben immer gesagt, als Du noch nicht da warst, da waren wir eine ganz große Familie, wie ein Wackelpudding, der schwappte mal nach der Seite, mal nach der, aber als ich kam, da hätte sich das alles verändert. Hab’ ich den ganzen Wackelpudding aufgegessen, da war kein Wackelpudding mehr da!

Diese ganze Auseinandersetzung ist ja auch noch nicht beendet. Im Westen sind die Fragestellungen ja nicht so radikal, das ist immer ein Kuhhandel, da sind immer Verbindlichkeiten. Ist hier ja auch nicht nötig. Weil die Zeit hier eine andere Rolle spielt. Der Kunstmarkt ist eine Sache, wo sie alle drüber rätseln, das ist auch so ein Ding, das ein ganz paar Leute aufgebaut haben. In Deutschland bestimmt da eine Handvoll. Die haben da mitgespielt. Im Moment verändert sich das aber wieder alles. Ich bin in Köln, beim Werner, dem Galeristen. Wohnen tu ich aber in Nordirland. Hab mich aber erstmal wieder in Deutschland gemeldet. Mal sehen, wie das geht. Ich bin ja ständig am Ausprobieren.

Wenn das nicht geht, mach’ ich wieder was anderes. In Düsseldorf war ich ein Jahr Professor, aber ich denke daran, daß ich das auch wieder kündigen könnte.

Ich komme mit den Westdeutschen nicht so klar!

Beim Jürgen ist das sicher einfacher. Is’ ja auch eine andere Figur! Ich denke daran, daß ich das bald kündigen sollte. Ein Jahr Professor, das langt ja wohl! Ob ich woanders hingehen soll? Nach Hamburg? Ich weiß es nicht so richtig. Ich will mein ganzes Ding eben so offen halten. Ich will da Unberechenbarkeit hineinbringen, da soll nicht jeder gleich sagen können: „Aha, Mitglied der Grünen, der grünen Partei." Das finde ich völlig bescheuert für mich, das muß für mich offen sein!

Man hat ja nicht nur Freunde, man hat ja auch Feinde, so was muß man alles berücksichtigen.

Damit das alles so glatt über die Bühne geht. Welche Feinde? Ich kenne sie nicht, aber sie sind da.

Mit Jürgen Böttcher ist das nicht so schwierig könnte ich mir denken. Also so eine Katalogzusammenstellung mit mir, das wäre schwieriger, wesentlich. Man darf aber auch nicht vergessen, daß Jürgen hier ganz neu ist. Der kennt das noch nicht. Der soll jetzt erst mal anfangen. Auf Perfektion wird er immer bestehen. Ich bin überzeugt davon, daß der hier noch schöne Sachen macht. Drüben läuft das anders. Wir haben da anders gedacht.

Mit Jürgen nochmal wieder zusammenarbeiten? Es gibt ja das Projekt, „Drei von Vielen" nochmal zu machen, so, wo wir jetzt sind, was aus uns geworden ist, nicht geworden ist. Das ginge aber nur hier, das könnte man drüben nicht, dann müßte er schon wieder die Hälfte kappen. Wenn Jürgen das will, ich würde mitmachen, ich habe damit keine Probleme. Wenn er es aber hier macht, ist das aber auch was ganz anderes. Hier herrschen ja ganz andere Bedingungen. Hier würde er aber eigentlich ähnliche Schwierigkeiten haben wie da. Graf könnte auch herkommen, der war auch schon in Paris. An diesem Projekt wird das ganze deutsche Dilemma deutlich, es wird schwierig, glaub’ mir. Wolf Biermann, der hat es ja sowohl dort als auch hier probiert.

Ein Film, das ginge, was anderes ginge nicht. Ich könnte nicht so was zusammenstellen, ein paar Arbeiten von dem, von Grabbe, von Jürgen, von mir, ich könnte das nur in mein System reinnehmen. Mit so was habe ich richtige Probleme. Ich soll die Regie übernehmen? Da hätte ich noch mehr Probleme. Man muß da differenzieren, wo was hingestellt wird, wo man was verändert. Wo liegt der Sinn der Sache? Also so ein Vorhaben, das muß organisiert werden, das mußt Du oder auch Biermann machen. Da muß ein Ziel formuliert werden.

Der Jürgen ist kein Maler, der ist ein Vollblutmaler! Ich rede nicht davon, ob jemand im Geschäft ist. Im Westen muß man da alles selber machen. Das Geschäft entsteht nur, wenn man auch dafür einen Haufen Energie und anderes investiert, dann kann man Geschäfte machen. Z.B. Peter Herrmann, der ist auch Vollblut, aber der interessiert sich nicht für Geschäfte, dann gibt es eben wenig. Verkaufen tut der schon. Ist aber nicht sein Hauptanliegen. Für das Geschäft interessiert sich der Jürgen auch nicht so. Bei Biermann ist das glaube ich, anders, der kann das auch.

Jürgen will bestimmt nicht reich werden, was der kriegt, bringt der gleich wieder unter die Leute, das stimmt. Das ist natürlich gut, wenn einer ‘ne Professorengage bezieht, und dann seinen Geschäften nachgeht. Für ihn gut. Geschäfte kosten Energie.

Naja, also der Jürgen, der macht unter Umständen aus einer Lehrauftragsstunde mehr, als andere mit einer vollen Stelle mit Pensionsanspruch. Mal sehen, was dabei rauskommt, ob er wirklich hier landet, ob er rüberkommt.

Ich weiß nicht, ob er diese prinzipielle Entscheidung fällen kann. Ich glaube, er wird immer schwankend bleiben, es rausschieben, zögern, zaudern... Da drüben hat er immerhin was Festes.

Wenn er herkommt, nicht. Der soll mal herkommen. Am besten gleich in Hamburg Professor werden.

Dann soll er mal losmachen.

Ich fände es auch gut, wenn er rüberkäme. Aber er zögert immer.

Eine Zeichnung von A. R. Penck für Peter Graf (1965). Das Original hängt im Museum Ludwig, Köln. Ohne Titel (Freundesgruppe Böttcher, Biermann, Penck, Baselitz), 1965, Öl auf Holz, 170 x 275 cm.


A. R. Penck und M. Rögener in der Galerie M. Werner, Köln am 10. März ‘90

A. R. Penck: Was soll ich denn jetzt zu Böttcher sagen? Loben oder kritisieren? Tadeln oder loben? Martin, you ask me too much. Also, jetzt geht’s los.

M. Rögener: Im ersten Gespräch hast Du angedeutet, daß ihr ihn ja auch manchmal etwas beeinflußt habt

Wen? Böttcher? Selten.

Du sagst hier, „wir haben uns eingebracht" da ging es z. B. auch um Deine Übermalungen...

Das will ich aus dem Spiel lassen. Ich will da nicht in Konkurrenz treten. Ich meine, das ist ja Quatsch.

Siehst Du das wirklich so?

Das ist doch alles Konkurrenz. Der Westen ist Konkurrenz, Leistung, Leistung... usw.

Vor zwei Tagen waren aus Dresden Maler bei mir in Hamburg, die wollen eine „Kulturzeitschrift" herausbringen – „Reiter in Dresden"

Das sollten sie sein lassen! (lacht)

Wirst Du drüben irgend etwas anfangen?

Mit mir nach drüben ist nix mehr. Hüben wie drüben, alles eine Suppe, lacht die Puppe! (lacht) Von mir kannst Du nicht mehr viel erwarten, Martin. Ich versteh die Welt nicht mehr. Ich warte jetzt auf die neuen Theorien. Ich muß mich erst wieder orientieren. Ich habe keine Theorie. Also ich hab nichts Neues anzumelden, was es nicht schon gibt. Es gibt jetzt z. B. die Schattenmasse als Problem. Die Schattenmasse. Das ist ein physikalisches, aber auch ein gesellschaftliches Problem. Oder vom Punkt zur Linie. Die Kommunisten haben immer Punkte gesetzt. Im „Neuen Deutschland" gab es immer Punkte: Punkt, Punkt, Punkt. Aus Punkten setzt sich eine Linie zusammen. Jetzt sind es aber Linien, Linien, Linien, die ein Geflecht bilden, ein Gestrüpp, ein Liniengestrüpp. Nicht mehr nur eine Linie, eine Linie war zuwenig! (lacht)

Können die in der DDR denn Deiner Meinung nach jetzt endlich etwas Eigenständiges auf die Beine stellen? Nach 40 Jahren Entwöhnung?

Weiß ich nicht. Wenn die selbständig sind? Ich weiß nicht, was die wollen. Ich hab sie ja noch nie verstanden. Meine Bilder haben sie immer schlecht gefunden. Jetzt finden sie die plötzlich gut. Das ist doch alles verblüffend, nicht?

Die suchen neue Identifikationsfiguren, – Leute wie Dich. Das ist aber falsch, sagen wir besser – schwierig.

Suchen die wieder Führer?

Was ist daran falsch, sich an Dir zu orientieren? Du bist immer Deinen eigenen Weg gegangen.

„. . . und wir führen sie in den Abgrund." (lacht) Führen sie erneut in das schwarze Loch! Ins schwarze Loch der Depression. Ist doch alles o.k., Gravitationskollaps.

Jürgen Böttcher. . .

Den lieben Jürgen habe ich gefragt: „Bist Du noch in der Partei?" Da hat er gesagt: „Nein."

Das hätte ich ihm glatt zugetraut und ihn deshalb gar nicht gefragt.

Ich auch. Deshalb habe ich ihn gefragt. Nee, das wollte ich schon genau wissen. Ist doch die Frage, was man jetzt will: Die Rechten mit dem Geld oder die Linken mit der Hoffnung.

Jetzt hat man Jürgen ja wieder aus der Versenkung geholt.

Nein! Der Jürgen stand immer im Licht – mal positiv, mal negativ. Der war nicht in der Versenkung. Auch als er verboten war, war er immer präsent.

Das hatte seine Vorteile, denn auch dadurch hat es Bedeutung gekriegt. Er ist richtig schwer, schwer gewichtig geworden. Is auch alles o.k.

Wolf hat mir mal erzählt, daß Jürgen durch den Tod seines Bruders sehr stark geprägt worden ist, damals gegen Kriegsende . . .

Das müßt Ihr mit Jürgen selbst ausmachen.

Wolf hat ja sehr extrem darauf reagiert. . .

Das kann ich mir vorstellen, wenn Biermann sagt: „Wie stirbt der Soldat? Er wird erschossen!"

. . . aber nicht von den eigenen Leuten. Erklärt das die Euphorie von Jürgen, als damals die Russen kamen?

Die waren doch alle euphorisch. Das steckt in den Menschen drin. Heute ja auch wieder. Die Menschen sind immer blind, dann euphorisch und wieder kritiklos, wenden sich den neuen Sachen zu. So hinkt der Bettler Geschichte durch die Wüste! Hallo, Sascha, sag mal was zu Böttcher. Aber wir dürfen ihm nichts antun. Wir müssen ihn ja bewundern. Wir bewundern ihn ja auch alle.

Ist das so? Darf man Jürgen nur bewundern?

Nicht umsonst nennt man ihn „Genie-Böttcher". Er hat schon etwas geleistet.

Jetzt ist die Mauer weg. Jetzt könnte man kritisieren?

Mein Verhältnis zu ihm hat sich dadurch nicht geändert. Ich war schon immer etwas distanziert – ich war kritisch. Ach, Martin, Du willst jetzt also einen richtig schönen Text machen über Jürgen Böttcher. Also immer locker übern Hocker, Du mußt das Geniale betonen, das Sensible. Aber – Jürgen steht ja unter Mondeinfluß, tellurisch, lunarisch!

Was wird aus Eurer Dresdner Gruppe„Drei von Vielen"?

In einer Zeit des großen Schweigens haben wir immerhin geredet. Es gab ja auch andere Kontakte: es gab Orgien, seltsame Debatten bei Bier und Schnaps – WIR haben Tee getrunken! Es war ja nicht so, daß nur wir da waren – aber es war schon ein geistiges Kraftfeld, das durch uns entstanden ist.

Und dann gab es Unterbrechungen.

Ja, das hat sich auseinanderentwickelt. Jeder hat irgendwann eine andere Position eingenommen. Meine Position war ja immer etwas kritisch, auch realistisch, sachlich. Von Peter Herrmann aus, der hat Jürgen mehr bewundert als ich. Er hat versucht, viel von ihm zu lernen, was Malerei betrifft. Ich hab immer versucht, dagegen zu arbeiten. Ich dachte immer, man muß den Widerspruch aufrechterhalten. Einfach nur abzunehmen, hat nicht viel Sinn. Aber ich habe durch Jürgen unheimlich viel vermittelt gekriegt. Der hat mich beschenkt, reichlich. Ich habe richtig gekriegt, und dafür bin ich auch dankbar. Das war gut für mich. – Wie ich das dann verwendet habe, welche Positionen ich daraus gemacht habe, ist wieder etwas anderes.

Hat Jürgen die anderen mehr vereinnahmt?

Nö, Peter Herrmann war ja damals nicht so kritisch wie ich. Der war in einer ganz anderen Lage, für den war das eine unentdeckte Welt. Wenn Du aus einer Familie kommst, wo da gar nichts ist und plötzlich ist da ein Haufen Kultur. Bei mir war das ja so ähnlich, aber ich hatte mir schon vieles selbst herangezogen. Und ich hatte noch was, ich hatte ja diesen komischen, schwierigen Charakter! Peter war ja „nett", der hat ja immer die Schule gemacht, die Lehre gemacht. Der hat ordentlich gearbeitet. Das hab ich alles nie gemacht. Böttcher hat ja auch alles ordentlich gemacht. Der hat studiert, ordentlich gearbeitet. Auf der anderen Seite hat Jürgen Böttcher mich ausgehalten, das muß ich ihm noch hoch anrechnen. Er hat mich ertragen. Das ist ja nicht einfach, wenn bei Dir in der Wohnung so’n Typ rumsitzt, mit dreckigen Klamotten, verstehst Du, der eigentlich nichts macht, nichts Richtiges – nur herumredet, sarkastisch und zynisch ist. Das war gut, daß der mich ausgehalten hat. Ich war nicht einfach. Das kannst Du Dir vorstellen. Heute nicht – aber damals war ich noch schwieriger.

Hat er Dich anerkannt oder hat Dich ausgehalten? Oder hat Jürgen gesagt, gut, der hat so eine Eigenheit, aber . . .

Nein, nein! Ich habe ja auch in ihm etwas bestätigt, sein Rebellentum! Was er sich aber nicht leistet. Der konnte ja nicht so wie ich allem ade sagen, leckt mich alle mal, sondern Jürgen war ja immer so’n Typ, der vermittelt hat. Er hat immer beide Seiten gesehen. Ich sage ja: tellurisch, lunarisch! – das ist Jürgen, das ist wichtig. Ich war Nacht und Sonne. Ich war schrecklich – aber auch manchmal Sonnenschein! Und das hat ihn angezogen. (lacht)

Um nochmal auf den Film „Drei von Vielen" zu kommen.

Ich seh’ das hoffnungsvoll. Ich will ja auch mit Jürgen ein Gemeinschaftsbild malen. Alles muß noch mal rauskommen, was dran ist an der Freundschaft. Wie ist die geistige Verbindung?

Das ist spannend. Eine Häuserwand gemeinsam bemalen? Ist das eine Herausforderung an ihn?

Wir kennen ja unsere Stärken und unsere Schwächen. Der Jürgen kennt mich, und ich kenne Jürgen ziemlich genau. Was Jürgen nicht hat, ist eben diese Rücksichtslosigkeit, die auch eine gewisse Brutalität voraussetzt. Jürgen ist nie rücksichtslos gewesen.

Jürgen hat viele Probleme mit mir, mit allem, was auf ihn einströmt. Ich hab das auch, aber ich verarbeite das anders – bei Jürgen ist das innen, lunarisch, auch seine Stimmung über den Mond, da passiert innen unheimlich viel. Bei mir passiert innen gar nichts! Der muß seine Konflikte in sich austragen, emotional, das muß ich überhaupt nicht. Weil ich da nicht beteiligt bin. Ich seh, wie ein Insekt krabbelt – aha, da krabbelt irgendwas, dann fällt was runter, das ist das Ende. Das ist logisch, das Insekt kann das aber nicht erkennen. Ich hab diese Logik, das ist aber eben die Differenz. Jürgen ist nicht so, dem kommt alles zu nahe. Jürgen versucht, das in sich auszubalancieren. Das ist nicht einfach. Und dann kommst Du mit Deinen Vorstellungen, und ein anderer mit anderen und ich mit meinen Zynismen und Sarkasmen, und dann kommt Biermann mit seiner Umkipptheorie, die auch brutal ist. Für einen Menschen wie Jürgen ist das alles schwierig. Das muß man auch verstehen. Wie ist das mit dem Beenden, mit dem Abschließen einer Arbeit. Ich empfinde das so, er regt an, wühlt auf, und dann ist er weg. Dem ist das alles jetzt zu schwierig. Das mußt Du verstehen.

Der kommt hier in den Westen und bestellt hundert lebensgroße Leinwände mit der ruhenden Odalisk von Ingres für Siebdruck will sich da austoben, und dann wird er nicht wieder gesehen!

Dann hat er gemerkt, daß das alles nicht geht.

Sind alles nun Pläne, Rosinen?

Du kennst Jürgen noch nicht! Wie das so geht! (Riesiger Lacher!)

Ich finde die Übermalungen schön, ich habe das zu meiner Sache gemacht, das ist jetzt von Jürgen losgelöst

Der Katalog hat ja viel mit dieser damaligen Zeit zu tun: Gemäldegalerie, Kultur, Dresden, die Romantik – die ich nie leiden konnte. Ich habe diese Dresdner Romantik gehaßt! Ich habe ja auch entsprechend bösartig reagiert, aber alle anderen waren doch von dieser Romantik, auch von der Stadt gefangen. Jede Stadt hat ihre Magie, man will an diesen Ort. So wie Du mich fragst, ob ich zurückgehen will. Für mich hat Dresden das nicht! Aber für viele hat Dresden diese Magie. Dresden hat was ganz Besonderes. Für mich etwas Blödes, Beschissenes, total im Arsch.

Aber die Verhältnisse in der DDR ändern sich doch zur Zeit.

Im Kleinen hast du überall Veränderungen. Diese Aufbruchstimmung hast du nicht überall. Das geht auch ganz schnell wieder weg.

Viele werden doch erst wach. Die suchen nach Realisierungsmöglichkeiten. Drüben läuft doch nichts. Ein Drucktermin, da kannst du Monate warten, wenn es überhaupt klappt. Hier nimmst du Geld und es läuft.

Die müssen ihre Lücke finden. Drüben gibt es doch viel mehr Lücken als hier. Es gibt keine Galeristen, es gibt kein System, wie hier. Keine funktionierende Organisation. Martin, Du kannst drüben Manager werden, Ostmanager werden. (lacht)

Hier ist doch alles fest, alles geregelt, das finde ich drüben im Moment viel aufregender als hier.

Martin ein Aussteiger! Bei uns gibt es feste Regeln, und dadurch kannst du die Lücke leicht finden. Früher gab’s auch die Lücke, wir waren die Lücke. Martin, komm wieder zu Jürgen und nicht zur Politik. Laß die böse Politik, sie bricht Dir das Genick! (lacht) Läßt du Dich zu sehr ein, bist Du sehr bald ein Politikerschwein! Laß die Politik raus, die Politik ist was für Biermann, der versteht was davon. Wir verstehen nichts davon. Jürgen versteht auch nichts von Politik eigentlich. Jürgen ist kein Politiker, er ist Künstler, eine bestimmte Form von Künstler! Er hat diese seltsame Begabung für eine epische Realität. Für’s Epos eigentlich. Während Biermann ist ja mehr ein dramatischer Lyriker oder Iyrischer Dramatiker? Der so verschärfte Sachen macht. Böttcher ist so ein fließender breiter Strom. So sind auch seine Filme, da ist Ruhe drin. Da passiert nicht viel. Das Leben setzt sich aus Kleinigkeiten zusammen. So ist das Leben!

Wenn ich Jürgen morgen treffe, glaube ich nicht, daß er noch da ist, wo ich ihn zuletzt gesehen habe. Der muß sich verändert haben!?

Die äußeren Umstände sind verändert. Die haben sich bei allen verändert. Alle alten Freunde leben jetzt unter völlig veränderten Umständen, als wir mal angefangen haben.

Aber, daß die DDR jetzt einfach so verklitscht wird, verramscht, das muß besonders Jürgen belasten.

Ich habe ihn ja gefragt, bist Du noch in der Partei. Jetzt trifft ihn das nicht mehr.

Das glaube ich nicht.

Doch, doch. Entweder Du bist in der Partei, oder Du bist nicht.

Hat Jürgen resigniert?

Warum soll Jürgen resignieren? Der Jürgen versteht viel zu gut. Er versteht das besser als ich. Ich hab viel mehr Probleme mit Jürgen. Weil ich es nämlich nicht verstehe. Der Jürgen versteht, weil er diese epische Lebenssicht hat, wo alles möglich ist. Der Biermann versteht auch sehr gut, für den ist das einfach eine Niederlage. Die Kommunisten müssen eben aus ihren Niederlagen lernen. Die Niederlage ist tragisch und tief.

Jürgen war doch ein überzeugter Sozialist.

Jürgen ist ein Menschenfreund, sozusagen theoretisch, – praktisch, humanistisch – aber er war ja nie so politisch – er hat was angefangen, aber er ist nicht die Natur.

Bezogen auf die Vermarktung seiner Arbeiten...

Der braucht jetzt einen Manager. Das kommt ganz von selber. Es ist so, daß sich der Manager den Künstler sucht, nicht umgekehrt. Der Manager hat die Organisation, die will er ausfüllen. Der will das Ei in die Pfanne kriegen, der braucht Stoff. Dann kommt das Problem des Produzierens, da fängt dann der Produktionsdruck an.

Wie schätzt Du Jürgens Produktivität ein?

Der wird schon noch was machen. Da kommt noch ‘n bißchen was raus.

Im Moment hat er ja mehrere Ausstellungen.

Das ist auch gut so. Er muß ja Übung kriegen. Laß den Mann 90 werden, dann hat er auch noch viel vor.

Setzt er mehr auf die Malerei oder auf den Film?

Jürgen wird immer versuchen, alles zu machen. Der muß alles auf breiter Basis vortragen. Vielleicht schreibt er auch einen ganz langen Roman oder einen langen epischen Film über das Leben. Nicht über die Politik. Ich glaube, die interessiert ihn nicht mehr. Was Biermann interessiert, das Politische. Wobei ich nicht weiß, ob Biermann das versteht, aber ich kann das nicht beurteilen. Ein Blinder kann schlecht beurteilen, was ein anderer Blinder sieht. (lacht) Das ist alles nicht so einfach. Ich könnte mir vorstellen, daß ich auch politisch werden würde, aber das hätte Konsequenzen. Dann müßte ich aus meiner Asozialität heraustreten und sozial werden. Nein, ich bin wirklich nicht sehr politisch. Ich nehm das und stell es irgendwo hin, ich geh damit um, ich arbeite damit. Ich bin das nicht, politisch. Das war immer der Unterschied zwischen mir und Jürgen, weil ich auch damals in der menschlichen Gemeinschaft keinen Sinn gesehen habe. Ich habe immer mich als „ich" gesehen, als Individualisten, als Ego, war mehr auf diesem Trip. Jürgen hat ein Gefühl für die Gemeinschaft. Ich habe kein Gefühl für die Gemeinschaft. Aber Du mußt das ja gefühlsmäßig verarbeiten – ich glaub, Biermann macht das auch nicht so. Biermann ist ein Rächer. Er ist ein Gebender. Der gibt was, der ist nicht destruktiv.

Du bist auch nicht destruktiv, im Gegenteil.

(lacht) Da kennst Du mich noch nicht!

Das seh ich anders. Du hast ganz rücksichtslos einen geraden Weg beschritten, einen Weg zu Dir selbst. Das suchen doch alle anderen auch. Und aus diesem Grund wollen sich die Leute bei Dir anlehnen. Das ist doch Modellverhalten gewesen!

O. k. Das wäre eine Möglichkeit, das kann sein.

Aber auf dem Weg ist Jürgen nicht. Er sucht was anderes. Er sucht das Eingebundensein.

Jürgen lebt vom Gespräch, der braucht die Auseinandersetzung mit einem Gegenüber . . .

Der hat etwas Goethisches, viel Geist der Goethezeit seh ich bei Jürgen, Weimarer Zeit und all das. . . Goethe hat ja auch dieses Epische, so ein komplexes Wesen. Ich konnte mit Goethe nie viel anfangen, aber ich habe mich sehr damit beschäftigt, gerade in der Zeit, als ich mit Jürgen zusammen war, weil ich in Jürgen eben dieses gesehen habe, dieses „Goethe".

Jürgen sucht Harmonie, eine Zusammenschau, eine Rundumbildung . . .?

. . . und etwas Klassisches, was konstruktiv Abgerundetes. Bei Graf ist das nicht der Fall, der ist ein intelligenter Witzbold.

Graf ist drüben verankert in der DDR?

Der ist schwieriger, der ist viel zu bequem zu reisen, das ist ihm zu anstrengend.

Bezogen auf die Produktivität, arbeitet der?

Der Graf malt ja noch weniger als Böttcher, der muß ja auch nicht, der hat ein anderes Lebensgefühl. Herrmann ist ja richtig am Bildermalen, Ausstellungen machen, Produkte schaffen. Der muß auch ran. Wer Künstler sein will, muß malen, wer Kunde sein will, muß zahlen! (lacht) Martin, Du bist jetzt Kunde, darum mußt Du Dein Geld spenden für den Katalog. Das finde ich doch gut, daß Du das machst. Jetzt haben wir das Band hier richtig vollgequatscht, so richtig über Goethe, lunarisch tellurisch, das mußt Du Dir merken. Großer Gefühlsreichtum im Gegensatz zu mir, ich bin ja egomanisch, eigentlich. Aber ich bin nicht so egomanisch, daß ich verrückt bin, obwohl Biermann denkt, daß ich autistisch bin! Der denkt, ich bin verrückt.

Autistisch ?

Aber Biermann, der ist da selber gefährdet. Der hat ja auch was davon. Wir kennen uns alle ganz genau. „So ist die Welt und muß so sein, schließt alle in Eure Gebete ein." Na Martin, jetzt mal weiter. Mach mal wieder ‘ne Frage, damit wir uns wieder vorwärts wurschteln durch die Politik und die DDR und die UdSSR und China und Lima und Peru und auch sowieso, mach mal los.

Du hast gesagt, die Zeit spielt hier im Westen eine andere Rolle.

Das ist wahr, die ist hier dreimal so schnell! Ab geht die Post, immer richtig locker vom Hocker. Aber das kommt jetzt ja im Osten auch. Die Uhr wird schneller geh’n.

Sollen die auf Eigenständigkeit drängen?

Das interessiert mich gar nicht. Die können machen, was sie wollen, ich habe damit nichts zu tun. Ich seh das wie beim Käfer, entweder er rappelt sich oder er stirbt. Mir ist beides völlig egal. Ich bin kein Menschenfreund, der sich überall reinhängt, wie Böttcher, der an den Menschen hängt und möchte daß aus den Menschen was wird. Wenn die kapitalistisch werden, werden die eben kapitalistisch, wenn sie ihre sozialen Ideen bewahren können, soll sie die bewahren. Mir ist alles recht, verstehst Du? Ich habe damit nichts zu tun. Ich bin kein soziales Wesen, noch nie. Ich kann nur eins werden. Der Westen sozialisiert mich am Ende noch. Ich mach meinen Frieden mit der bürgerlichen Gesellschaft. (lacht) Oder anders gesagt: der Künstler als soziales Wesen ist sowieso Unsinn. Das geht nicht. Frag mal wieder was, Martin.

Wie reagierst Du, wenn die Dich jetzt einladen von drüben?

Einladen können mich alle, man muß ja deshalb noch nicht hingehen. Du lädst mich ja auch immer ein. (Riesenlacher) Als Gastdozent. Gastprofessur ist doch völliger Schwachsinn. Die haben ja genug Professoren. Die brauchen mich doch nicht. Die denken, sie können von mir was lernen. Das ist falsch, die können von mir nichts lernen. Ich habe denen drüben auch nichts beizubringen. Im Gegenteil, die sollen jetzt Geschäfte machen. Da brauchen sie mich nicht. Wie man Geschäfte macht, das werden sie von selbst lernen.

Jetzt mach ich Dir noch die Skizze. Jürgen tellurisch, lunarisch. Erde: Südamerika, Erde um die Sonne, hier Nordamerika, hier Europa, Afrika, Sowjetunion. Jürgen hier mit dem Mond hier oben, so will ich mal ein Zeichen für Jürgen machen, hier oben Jürgen tellurisch, lunarisch – (stöhnt) ah ja, die ganze Welt verarbeiten. Es ist komisch, wenn ich merke, während ich zeichne, widerspricht sich das ja beides! Das ist ja Jürgens Verhängnis, verstehst Du. Der Mond und die Erde durchbrechen sich ja völlig. Da gibt es ja immer die Gezeitenwirkung. Du weißt ja, Mond und Erde ziehen sich ja an, da gibt es ja immer den Konflikt hier. Das ist die lange Nase das ist der Konflikt zwischen Mond und Erde. Das ist die Nase. Merkst Du das, jetzt kommt die Nase und weil das alles schief ist, die Erde, der Mond und der Kosmos, verstehst Du, deshalb ist das ganze Bild schief. Die Gravitationskräfte wirken hier auf ganz besondere Weise. (lacht) Jetzt hab ich das gerade gemacht, dabei ist der Einfluß, alles schief, so, das ist ja alles nicht so einfach, das wird nicht richtig, Jürgen, so kann man das nicht machen. So geht das nicht. Du hast doch da einen dicken schwarzen Filzstift. Also das ist der Mond, das ist die Erde. Jetzt gibt es hier diese Anziehung, manchmal ist er auch voll, der Mond ist ja eigentlich rund. Der normale dumme Mensch malt den Mond immer so, weil er dämlich ist. Ich bin auch dämlich, aber in Wahrheit ist ja alles ganz anders. Siehst Du, wie die Gravitationskraft vom Mond her, hier das Zentrum des Mondes, hier jetzt die Nase, jetzt kriegen wir das eine hier. Jetzt klappt das. Jetzt wird das richtig perfekt. So. Tja. Soll ich Dir noch was dazu machen? Mein Verhältnis dazu, zu Jürgen, zu Biermann, Du wolltest das ja, das Ganze. Biermann hat ja nichts mit dem Mond zu tun. Biermann hat mit entfernteren Dingen zu tun, Neptun, Mars und Neptun.

Wir machen das Ganze astrologisch, verstehst Du. Im Westen ist die Astrologie die bindende Ideologie, außerhalb des Christentums, oder wir können es christlich halten: „Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen. Wenn du die eine Backe, und dann noch die andere Backe – oder Zahn um Zahn und Auge um Auge etc.". Deinem Ochsen, der da drischt, darf man nicht das Maul verbinden. Sonst ist nichts mit Getreideernte. Martin, ich hab Dir richtig Stoff geliefert. Du kannst jetzt richtig schreiben. Du kannst dicke Bücher schreiben, mußt mich nur quatschen lassen. Da kannst Du richtig Geld machen. Penck, Winkler hat das alles von sich gegeben und sagt, Biermann, der ist ja verrückt, mit Recht! (lacht) Luna, Mars, Neptun, und hier ist Biermann, hier, im Grunde Böttchers Augen, das ist der Biermann, der Mund nicht. Ich bin außen, Beobachter, ich guck mir das nun an, hier oben. Ich seh das nun als Phänomen, für mich besteht die Welt aus Phänomenen, die so oder so sind. Die ganze Galaxis ist voll von irgendwelchen Dingen, und die sind, wie sie sind, eben so. Auf der einen Seite geht’s kaputt, auf der anderen wird es ganz, dann ist mal der Zufall drin. Dann verschwindet mal ein ganzes Sonnensystem, und die Leute wissen nicht warum, aber es passiert eben alles. Dann kracht mal ein Mond auf die Erde, und alles geht richtig rund hier. Und kommt ja die Frage, warum hat der liebe Gott das alles so eingerichtet? Daß das alles so chaotisch ist. Bin ich verrückt? Der liebe Gott ist verrückt. Das ist die Frage, ob nicht vielleicht die Welt von einem verrückten Gott geschaffen wurde und nicht von einem vernünftigen; von einem rationalistischen Gott ist sie jedenfalls nicht erschaffen worden. Sonst hätte er das rationalistischer gemacht. Das ist die Frage, wenn wir das von der christlichen Seite aufziehen. Der Mensch ordnet die Welt. Ja. Oder Entropie – wie die Entropie immer chaotischer wird.

Der Mensch ist beschäftigt mit der Veränderung der Weltbilder.

Mit seinen eigenen und ändert damit auch die Welt, denkt er!

Denkt der Mensch nicht zuviel?

Jetzt machen wir es theoretisch. Ich bin das, hier oben. Biermann die Augen, hier. Böttchers Nase und die Augen, das ist der Biermann. Herrmann ist das hier (links!) Sterne, hier komm ich geflogen. Was ist hier los? Jetzt muß ich Biermann noch rein bringen. Blähen sich Hungerbäuche, kennst Du das Lied? Wie eine Riesenseuche, ich will die Menschheit retten, hier und liege selbst in Ketten.

Hast Du nicht das Gefühl, daß Du hier ständig ordnest?

Das kann auch Unordnung sein. Du siehst das vielleicht als Ordnung an, aber das kann auch Unordnung bedeuten. Die Unordnung wird nämlich größer. Auf der Welt wird leider die Unordnung größer. Viele behaupten ja, daß die Ordnung zunimmt, aber leider ist es so, die Unordnung wird immer größer. Jetzt kommt der Biermann raus, das sind die Augen, das ist der Bart, die Erde, das ist komisch auf der Erde, erst war der Mond hier oben, jetzt ist einer hier unten. Jetzt haben wir einen Doppelmond. Jetzt ist er wieder rund. Jetzt haben wir den Biermann eingearbeitet in Böttcher. Mich haben wir eingearbeitet, Peter Herrmann ist das hier, links, rechts ist Graf hier. Jetzt hab ich doch gemacht, was Du eigentlich wolltest. Aber ich steh außerhalb, ich hab nichts damit zu tun. So fertig, Penck. Wenn ich nicht wär, wär die DDR längst leer. (Riesenlachen) Siehst Du, wie der Biermann hier rausguckt? Der Böttcher ist bißchen am Verschwinden.

Dabei hast Du mit Böttcher angefangen.

Ich bin recht gut. Jetzt machen wir Schluß. Hast Du noch eine wesentliche Frage? Du bist ja ein Schlitzohr. Jetzt hast Du eine Zeichnung von mir. Eigentlich mußt Du die kaufen. Nun hast Du schon wieder eingesackt hier. Mit Filzstift-Geld geht nichts.

Ich signier Dir die Fotos, die Bilder, die ich gemacht habe, Du kriegst Kataloge, Deine Texte.

Gib mir mal einen Lautsprecher, ich mißtraue ja der Anlage, daß da auch wirklich was drauf ist. Das probier ich jetzt.

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