Etwas über drei Jahre sind vergangen, seitdem die Mauer der Schande, diese Mauer, die ein sich auflösendes und verfallenes Europa versteckt hielt, gefallen ist. Mit seiner unglaublichen Fähigkeit, wichtige Ereignisse zu erfassen, beschloß FranĦois Barre, der damalige Leiter der Grande Halle von La Villette, uns das andere, jenseits der Mauer existierende Deutschland vorzustellen. Jürgen Böttcher Strawalde konnte endlich vor dem französischen Publikum erscheinen. Frei und freiheitstrunken schuf er vor einer erstaunten Menschenmenge Werke verblüffender Modernität. Seit der Eröffnung von „Le Monde de l’Art" gab ich keine Ruhe, bis ich diesen Art Künstler mit seinem Talent, in seiner ganzen Inspiration vorstellen konnte. Strawalde hat diese Ausstellung so konzipiert, daß er dort Tag und Nacht lebt, sein Theater aufbaut, als Autor und als Akteur. Er ist diese Wette eingegangen, wissend, daß je enger die Grenzen gesteckt sind, umso wichtiger ist das schöpferische Talent.

Auf den weißen Wänden wird er seine wichtigsten Werke zeigen, die Sie auch im Katalog finden. Dann wird er „in situ" auf die Jugendstil-Kacheln andere Werke malen, die ihm seit Monaten vorschweben. Diese werden im zweiten Katalog abgebildet sein. Als wir diesen Raum eröffneten, beschlossen wir, alle Talente zu zeigen, die es außerhalb der bekannten Galerienszene gibt. Bewußt haben wir entschieden, sie in einem der Multidisziplinarität und Multikulturalität gewidmeten Ort zu zeigen, und wir haben das Ideal, „neue Andalusien" zu schaffen. In diesem Sinne wurde diese Ausstellung mit ihren zwei Katalogen konzipiert. Sie beginnt einen Publikationszyklus, der mit einem neuen Titel von Kappauf, „Citizen K" verbunden ist, welcher die Schönheiten in eine Form- und Farbchoreographie übersetzt. Auf einem bleisilbernen Hintergrund wie dieses schwierige, zu Ende gehende Jahrhundert und jenes neue, den Wellen entspringend, der Blick nach den Sternen hinaufgerichtet. Diese Ausstellung ist das Ergebnis der Kommentare, Überlegungen und der Begeisterung von Tausenden von Freunden, die aus „Le Monde de l’Art" ihren bevorzugten Ort gemacht haben, den Ort aller neuen kulturellen Umgebungen.

Slightly less than three years ago, the wall of shame collapsed, that wall which hid a drifting and derelict Europe. Swiftly thereafter, FranĦois Barre, then head of the Grande Halle de la Villette, with his visionnary outlook on historical events, decided to present us with the other Germany, that beyond the wall. Jürgen Böttcher Strawalde finally appeared to the French public, free at last, exhilarated by newfound freedom and staging before a baffled crowd performances of an astonishing modernity. Since the opening of the Monde de l’Art, I have tirelessly sought to present this thorough artist in his fullest self, his fullest inspiration. Strawalde conceived this exhibition staging his own theatre day and night, as an author, and actor. He took up the challenge, knowing that the narrower his constraints would be and all the more essential his talent. On those white walls, he will present his major work, that presented in this catalogue. Then, he will lay down on Art Nouveau faience all the themes pondered over the last few months. Those will be reproduced in a second catalogue. We have dedicated ourselves, upon the inauguration of the Monde de l’Art, to put forward all the new talents that have errupted outside of the established gallery network. We have set ourselves the goal of presenting them in a space dedicated to pluralism and open cultures, hence walking up the paths of a „new babylon". This exhibition and its two catalogues have been conceived in this spirit. It starts off a cycle of publications coupled with Kappauf s new title, „Citizen K", which translates beauty in a ballet of shapos and colours. A choreography set against a silver background – a leaded silver reminiscent of that weighty century, and the new one which is emerging from the waves, looking up to the stars. This exhibition is the outcome of the views, of the reflexions and passions of thousands of friends who have contributed to making the Monde de l’Art that privileged environment, that of the new cultures.

 Andre Meier

 


Die neuen Bilder des Malers Strawalde

Deutschland plagt der Katzenjammer und Strawalde malt. Leinwand auf Leinwand, immer höher, immer schneller, immer weiter. Während sich das frisch vereinte Land Tag für Tag aufs neue zerfleischt, zieht Strawalde einsam seine Bahn. Nacht für Nacht und trotz alledem. Sein einziger Feind ist die Zeit, die nur all jenen egal sein kann, die längst ihren Vorrat an Bildern verspielt haben. Jenen, die irgendwann ihre letzte vermeintlich geniale Idee als Stil konservierten, um fortan den Markt mit autorisierten Plagiaten zu überschwemmen. Doch an diesem Punkt ist Strawalde noch lange nicht. Rastlos zaubert er immer neue Welten, feiert heute aus gelben, roten, blauen und grünen Töpfen eine Orgie in leuchtendem Acryl, um schon morgen die jungfräuliche Leinwand scheinbar zerknirscht mit einem dunklen Raster zu überziehen. Aber ein zweiter Blick genügt und das Auge muß widerrufen. Keine Spur von Reue, der Tanz geht weiter, schwarz und in Öl. Unzählige dunkle Gestalten, ein Netz zuckender Körper vereint im Boogie-Fieber. Vielleicht aber auch nur ein Blick aus Strawaldes Fenster. Vielleicht das wirre Haupt der Bäume, durch deren vom Wind geschütteltes Laub sich das Licht der Berliner Sonne bricht. Egal, der Dschungel lebt. Hier und jetzt, monochrom auf 160 x 120 oder in leuchtend fiebrigem Kolorit auf 150 x 140 Zentimetern. Viel zu lange mußte sich der Maler bescheiden. Hinter der Mauer, in diesem Eldorado der Mittelmäßigkeit, wo jede Utopie von kleinkarierten Opportunisten zu Schanden geritten wurde, galt seine Kunst nur wenigen viel. Strawalde war nicht bereit, für Leinwand, Farbe, Atelier und Protektion, die Augen zu schließen und mit den Schafen zu ziehen. Für ihn war Malerei mehr als die Errichtung Potemkinscher Dörfer im Dienst der Volksaufklärung. Er wollte nicht mit kalten Kunstkriegern im stalinistisch aufgekochten Realismus eines längst verflossenen Jahrhunderts rühren. Europa lag in Trümmern und der Schmerz, die Trauer und die Schuld, die der junge Deutsche in sich fühlte, konnten und wollten sich nicht mit spitzem Pinsel in hohles Pathos flüchten. Angesichts der Greueltaten, mit denen man in Deutschlands Namen den Kontinent in ein Schlachthaus verwandelt hatte, schienen die altbackenen akademischen Heilslehren wenn nicht gar verlogen, so doch von blindem Illusionismus diktiert. Wieviel mehr an Wahrhaftigkeit und ehrlichem Entsetzen war dagegen in den aufgerissenen Augen der stumm schreienden Kreaturen Picassos zu entdecken. Eine Erkenntnis, die auszublenden, Strawalde nicht gewillt war. Um dem Leid, das dieser Krieg auch in seine Familie trug, ein Mahl zu setzen, lehnte er sich eng an die Kunst des Spaniers an. Seine Arbeiten werden als dekadent und modernistisch verteufelt, der widerspenstige Künstler ins Abseits gedrängt. Als Dokumentarfilmregisseur Jürgen Böttcher erntet Strawalde über die Grenzen seines Landes hinaus Beifall. Doch die um ihre Pfründe bangende und staatlich alimentierte Malerzunft verweigert dem Künstler auch noch beharrlich die Anerkennung, als sich die formalen Fesseln längst lockerten und selbst Malewitch’s Quadrate unter dem verwaschenen Banner des Sozialistischen Realismus zu firmieren drohten. Es war die nackte Angst vor einem Mann, dem der zum Markenzeichen stilisierte Stallgeruch verbissener Provinzialität nicht anhaftete. So kommen Strawalde und sein Werk erst spät zu ihrem Recht. Jedes Bild erhält das Format, das es verdient, jedes die Farbe, die ihm gebührt. Alles ist nun möglich: Leinwände so hoch der Pinsel reicht, das volle Tageslicht und für den Maler die lang ersehnte Chance, dem Rausch der Farben auf zehn Schritte und auf ein Glas zu entfliehen. Denn endlich hat Strawalde ein eigenes Atelier. Freiheit ist oft nur das Gefühl, hinter dem Rücken die Wand nicht spüren zu müssen. Strawalde öffnet die Fenster und atmet durch. Doch auch wenn die Kühnheit, mit der seine Hand jetzt über große Flächen rast, nicht wenige erschreckt, weil so viel Lust und Kraft in der Hochzeit des schlaffen Selbstmitleids unschicklich scheinen, er bleibt sich treu. Hier werden nicht eilfertig und mit großer Geste die Wahrheiten von gestern übertüncht. Im Gegenteil. Was Strawalde schon immer wichtig war, lebt nun mit neuer Vehemenz auf. Nicht als modisch aufgemotztes Revival, sondern als logische Konsequenz einer beständigen Arbeit am alle Wenden überdauernden Stoff. Es ist, als ob ihn ein Bild nie wirklich verläßt. Strawaldes Werk bleibt kohärent. Die spartanische Palette der frühen an Picasso geschulten Beweinung feiert ihre Auferstehung in neuen, nicht minder existentiellen Konstellationen. Als Bildnis II etwa: Hilflos ist der die Fläche beherrschende Frauenkörper dem drängenden kalten Grau des Bildgrundes ausgeliefert. Die dunkle Figur zittert, weil sie um ihre Verletzlichkeit weiß. Diese klirrende, weißgetönte Angst schleicht sich immer wieder auf Strawaldes Leinwände. Sie erinnert schmerzhaft an die Vergänglichkeit allen Seins. Was bleibt, ist nur die eine „Kurze Ewigkeit". Eine frostige Einsicht. Doch ist Strawalde Hedonist genug, um dem Unausweichlichen nicht auch noch die Freuden des Jetzt zu opfern. So verwundert es nicht, daß Strawalde fast vierzig Jahre nach seiner ersten Giorgione-Adaption noch immer mit üppigen Renaissance-Reminiszenzen aufwartet. Lieferte er damals eine um respektvolle Einfühlung bemühte Paraphrase zum „Ländlichen Konzert Giorgiones", so grüßen jetzt seine majestätischen „Schwestern" dreist und ungezwungen den venezianischen Jungfrauen- und Kurtisanenfreund Vittore Carpaccio. Unzählige Kunstpostkarten aus dem volkseigenen Leipziger F.A. Seeman Verlag fielen dieser unverdrossenen Auseinandersetzung mit altmeisterlichen Gesinnungsgenossen zum Opfer. Übermalt mit jener virtuosen Sicherheit, die sich nun auf den großen Tafeln voll entfalten kann. Denn auch hier, so scheint es, tanzt der Pinsel fast spielerisch über die Fläche. Nichts wirkt auf diesen Leinwänden mühsam gebaut oder unter Schweiß aneinandergekittet. Die so leicht gesetzten Schwünge, Drehungen und Schläge folgen einer imaginären Choreographie, die sich wider Erwarten das Bild nicht vom Zufall rauben läßt. Ganz gleich wer oder was sich wie strahlend bunt oder finster auch immer auf der Leinwand dreht, der Tanzmeister heißt Strawalde. Diese Musikalität ist selten in deutschen Ateliers. Das Land besteht auf schwerblütige Genies, erwartet frühen Tod, Wahnsinn, Verrat oder Erlösung. Strawalde dagegen malt.

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