STRAWALDE
FOTOGRAFIERT VON FREUNDEN UND KOLLEGEN AUSSTELLUNG IM BERLINER FILMKUNSTHAUS BABYLON ND IM FILMMUSEUM POTSDAM
Rolf Richter
"Das Wunder des Glücks gehört zum Zufall, der nur eine Maske des vielfältigen Lebens ist."
Für Jürgen Böttcher
Was sehen wir? Fotos, gemacht bei der Arbeit, nebenbei, Gelegenheitsfotos, entstanden aus der Freude am Fotografieren, aus der Neugier, einen Augenblick, eine Merkwürdigkeit zu bewahren, auch um Arbeit, Zusammensein zu dokumentieren, gemacht von Leuten, die Fotografie und Film lieben, für die Fotografie, Film Ausdruck ihres Lebens ist. Man sieht den Spaß, das Spiel, das Vergnügen an einer Geste, einer Bewegung des Gesichts, eines Ausdrucks, der Begegnung von Menschen untereinander und von Menschen und der sie umgebenden Dinge, von den wechselnden Strukturen im Raum. Und der, um den es auf diesen Bildern meistens geht, wird nicht einfach von der Kamera überlistet, sondern spielt mit, weiß, daß Fotografieren nicht nur ein Sich-Ausliefern ist, sondern eine Art von Verhüllen und Enthüllen, wo auch der Fotografierte einiges in der Hand hat, im besten Falle beginnt er eine köstliche Maskerade, eine Inszenierung mit sich selbst und spielt sein körperliches Wissen um die Dinge und Formen aus, gibt sich den Zufällen hin, der Laune des Moments, des Lichts, eines spontanen Gefühls. Da zeigt sich ein selbstverständliches Gestaltungsgefühl, das eine Lebenshaltung ist. Ein Sich-Reiben, ein Aufbegehren, ein Sich-Befreien durch das Spiel. Eine unauffällige Spannung, eine Konzentration, die sich nicht vordrängt, ist in diesen Bildern. Wirklich, sie sind nicht gemacht, um darauf zu verweisen: Achtung, das ist vielleicht Kunst, sondern mit der Lässigkeit: das ist nun mal unser Leben, und davon haben wir noch mehr. Darin sind wir unersättlich, und das hatte seinen Raum, in dem wir sicher sind. So entsteht mit diesen Fotos ein Stück Lebensgeschichte, Einblick in ein gemeinsam gelebtes Leben. Das ist ihr besonderer Reiz. Darüber hinaus nähert man sich dem Mann, dessen Namen wir nun endlich nennen wollen: Jürgen Böttcher. Man erkennt die Verwandlung seines Gesichts, die Veränderung von Gesten, von Haltungen, von Spielarten, von Augenblicken der Freude, der Anspannung. Man spürt bei aller Veränderung das Behaupten. Das Wunder des Glücks gehört zum Zufall, der nur eine Maske des vielfältigen Lebens ist. Das zeigt sich hier in vielen Varianten. Aber es ist auch mehr, wenn da Leben geglückt ist.
Böttcher fühlte ein Unbehagen, als wir diese Bilder gemeinsam ansahen. Er fand, es gehöre sich irgendwie nicht, sie zu zeigen, aber er war es Gott sei Dank auch zufrieden. Soll uns, weil in diesen Weltgegenden bei einer Sammlung von Porträts eines Menschen uns eigenartige Gefühle ankommen, dieses Vergnügen an dem Spiel der Selbstdarstellung vergehen? Hier geht es nicht um Macht, sondern um Spiel und Arbeit. Wir können es nur immer wieder sagen, daß wir uns der Spiele und der Arbeit, die uns angemessen sind, versichern sollten.
Als wir auf die Idee zu dieser Ausstellung kamen, wollten wir genau dies. Diesen Spaß an uns selbst, dieses Überprüfen der Selbstbehauptung an einem, den wir kennen, und dann erst den Erinnerungen nachgehen, in ihnen blättern, sehen, was da so ganz nebenbei dieses Strandgut Fotografie an Einblicken bietet. Natürlich auch an Blicken auf das Leben von Jürgen Böttcher, der nun schon welches seltsame Wort in Verbindung mit ihm ein Jubilar ist. Aber das sechzigste Jahr seines Lebens war doch eher ein Vorwand, um diese Unternehmung zu starten. Wir wollten Bilder, die uns zeigen, was mit diesem Leben geschehen ist. Wir hofften auf die gewisse Unbestechlichkeit dieser Gelegenheitsfotografie, und wir fanden diese nun allen sichtbaren Spuren eines angemessenen Lebens.
Wir kennen die Filme von Jürgen Böttcher, wir kennen die Malereien, wir wollten nun dies, was die Menschen als Marginalie nehmen, im Familienalbum verstecken, an Sonntagen und zu besonderen Gelegenheiten hervorholen, um zu staunen, daß sie ehemals so ausgesehen haben und jetzt so sind. Wir wollten diese Prüfung, die zugleich ein leichtes Berühren der Ewigkeit ist.
Man sehe nach dem jungen Mann, man sehe die Erwartungen, man sehe, wie er protestiert und abwehrt, wie er die Verteidigungshaltung des Spiels ausprobiert, wie er auf sich selbst besteht und sich dieses: Verdammt noch mal, ich bin wer! leistet. Wie er eine Erwartungshaltung annimmt, die nicht zerstört wird. Früh erscheinen die Malereien in den Fotos, als eine Art Schutzschild, als etwas, mit dem er sich verteidigt und seine eigene Welt schafft, die etwas Unbezwingbares hat oder haben soll, man erkennt, wie er der Welt Masken gegenüber stellt, um sich zu erhalten, und man sieht gleichzeitig seine Schutzlosigkeit, die eine der Voraussetzungen des Gestaltens ist. Man sehe sich das Gesicht an, die Entwicklung der Stirnfalten. Zeichen, die dann in den Bildern aufzutauchen scheinen. Man sehe, wie hinter den Gesten sich Einsamkeit hält.
Ich weiß, daß ich jetzt über Dinge zu sprechen beginne, die eigentlich wortlos sind, die wir bei Begegnungen mit Menschen empfinden. Diese Gefühle und Verständigungen sind sowieso in ununterbrochener Veränderung und nur durch die Zauberei der Fotografie einseitig herausgehoben. Aber es wird auch so etwas wie eine Konstante in diesem Gesicht sichtbar, eine Kontinuität, die Veränderungen tragen und aufnehmen kann. Ein Satz sagt, daß der Mensch für sein Gesicht weitgehend selbst verantwortlich ist, daß er an den Formen, die das Gesicht bestimmen, mitarbeitet.
Man ahnt diese Arbeit. Sie geschieht ja nicht bewußt, sondern wesentlich auf einem Feld des unbeobachteten Nebenbei, im Bereich des Unbewußten.
So entstehen Dinge, die als etwas Entscheidendes zum Leben gehören, die letztlich untrügliche Zeichen sind von der Art des Lebens, von Bestehen und Versagen, von Leben aushalten und gestalten.
Und hier wurde, glaube ich sagen zu können, bestanden.
Im Grunde habe ich es vorher gewußt, aber ich wollte es noch einmal so vor mir haben, in diesen Bildern, in den Zeichen, die in diesen Fotografien zu finden sind. Mag es nun jeder auf seine Weise entdecken und interpretieren, mag er seine eigenen Erinnerungen hervorholen und an sein eigenes Gesicht und an sein Leben denken.
Wir kennen Böttchers Filme, seine Bilder, ich kenne ihn seit der Dresdener Zeit, also seit über 40 Jahren. Ich habe immer mit Neugier auf ihn und seine Arbeit geschaut, ich bin mir sicher, daß das weiterhin so sein wird. Ich weiß, er war für längere oder kürzere Zeit für viele wichtig. Man kann seinen Einfluß in verschiedensten Entwicklungen für längere oder kürzere Zeit erkennen. In der Malerei, im Dokumentar- und im Spielfilm. Bei ihm hat jetzt, wo verschiedene Biografien in Turbulenzen geraten, eine Periode erfolgreicher Arbeit begonnen. Selbst die, die vieles kannten, staunen, was sich da angesammelt hat. War er ein Insider, der nun an die Öffentlichkeit tritt? Manchem schien und scheint es so, aber seine Kreise waren schon immer offen und der Welt verbunden. Der Alltag war in seinen Filmen nie Provinz, seine Malerei nie ohne Kontakte zu den wichtigen Dingen auf dem Gebiet der Kunst, zu deren zeitgenössisch Wesentlichem er immer selbst gehörte. So steht er jetzt da, hat was und kann seine Dinge vorweisen und ist was. Und das in dieser historischen Umgebung, werden sich manche wundern. So etwas gab es und gibt es hier? hört man manche zweifeln. Sollen sie zweifeln. Man könnte noch mehr sagen, aber hier mag es das sein. Wünschen wir Jürgen Böttcher die Kraft für noch ein paar Jahrzehnte. Und uns manche normale und auch sonderbare Ausstellung und natürlich auch den einen oder anderen Film.
6. September 1991
Helke Misselwitz
Ein Zauberer ohne Tricks
Nachts in den verwaisten Straßen von Leipzig.
Regenpfützen auf dem Asphalt, spärliche Beleuchtung. Eine Stimmung wie in Andersens Galoschen des Glücks". Unvermittelt springt Böttcher an einen Laternenpfahl.
Am ausgestreckten Arm, die Knie angezogen, mit wehendem Mantel, schwebt er um den Pfahl. Zirkuszauber erhellt die Tristesse.
Wir sitzen nachts im Schneideraum. Inmitten von angehäuften Häßlichkeiten, veralteter Technik, verbeulten, halbverrosteten, bis zur Decke gestapelten Filmbüchsen, deren Aufschriften vom angeordneten Glanz der Staatsmacht künden. Auf dem Boden Böttchers Büchsen, Material für Rangierer".
Wir trinken Tee. Der Schneidetisch liegt im Dunkel.
Die einzige Lichtquelle ist der Galgen, auf dem die Filmmuster hängen: ein mildes, durch die Milchglasscheibe gedämpftes Licht, das auf die Schnittmeisterin fällt. Böttcher entdeckt die Schönheit des Bildes, malt es in Worten. Die sanften Halslinien, die Rundung der Schulter, der Faltenwurf des Ärmels, die Hand, die die Teetasse hält. Es erinnert an Rembrandt, aber es ist STRAWALDES Bild, das real existiert; aber nur er sieht es, dann erst wir anderen. Wir sitzen in der Kantine des Studios. Am Nachbartisch plaudern die Arbeiterinnen aus dem Kopierwerk. Eine Jüngere lehnt über dem Tisch, die Hand auf ein Glas Kirschen gelegt. Die Kirschen wirken durch das einfallende Licht wie Glasmurmeln. Böttcher kramt in seiner abgetragenen Ledertasche, findet Papier und Bleistift und beginnt, die Szene zu zeichnen, auf der abgenutzten Wachstuchdecke des Kantinentisches.
Anfang der siebziger Jahre. Ich arbeite im Fernsehen als Regieassistentin. Ich sehe den ersten Film von Böttcher: Wäscherinnen". Da zeigt mir auf einmal einer, wie genau man hinschauen muß und wie einfach es ist, Schönheit in den Gesichtern, in den Gesten, den Körpern, den profanen Vorgängen zu entdecken. Eine Entdeckung, die im krassen Widerspruch steht zu meinen Fernseherfahrungen, wo man brutal und verlogen Bilder vom Menschen nach einer Ideologie formte.
1978 sitze ich Böttcher an der Filmhochschule gegenüber. Er stellt Martha" vor und erzählt eine ganze Stunde lang über Haltung, Malerei, Zensur. Unvergeßlich. Eine Sternstunde lehrreicher als alle Seminare über methodisches Drehbucharbeiten. Alle Filme, die ich später sehe, auch die frühen, verbotenen, sind Vergnügen und Gewinn. Und immer wieder die Begegnungen, manchmal auch quälend, weil er den Finger auf die Wunde legt, die man nicht wahrhaben will und doch spürt, er hat recht.
Selten, daß ihm ein anderer Film gefällt; er ist wie in seinen Filmen auch einfach im Anspruch an Filme von anderen, weil Schönheit durch Wahrheit kommt, und er verabscheut jegliche Tünche. Wenn ihm ein Film gefällt, dann kann er sich freuen wie ein Kind. In seiner Kritik ist er verläßlich.
Er ist für mich ein Zauberer, der ohne Tricks arbeitet, auch wenn er manchmal damit prahlt, wieviele er beherrscht. Er ist auf eine wunderbare Weise altmodisch, weil er sich nicht verführen läßt, von dem, was man Fortschritt nennt; Fortschritt, der uns ablenkt von den eigentlichen Werten und von unseren Missetaten. Seine Filme sind einfach und doch kompliziert, weil man selbst fühlen und denken und Geduld mit sich haben muß, verunsichert wird durch die Freiheit des Beteiligtseins.
Böttcher verzaubert uns mit Dingen, die wir nicht mehr wahrnehmen: wie schön ein Blick sein kann, eine Geste, eine Hand; wie bezaubernd es ist, wenn Frauen Kleider tragen; wie artistisch sich Rangierer bewegen; welche Leichtigkeit und Eleganz in Vorgängen harter Arbeit stecken; welchen Charme Frauen haben, die gleichzeitig in einem Riesensuppenkessel rühren; wie spielerisch man mit Kunstpostkarten umgehen und damit bedrohliche, surreale oder komische Geschichten erzählen kann; wie schön eine Landschaft ist, eine Mauer, die zerstört wird; wie behutsam man sich einem fremden Land nähern und als Freund gehen kann.
Böttcher erzählt das Einfache, das schwer zu machen ist. Er raucht Zigarillos oder Zigarren und bevorzugt schlichte dunkle Kleidung aus natürlichen Stoffen. Darin ähnelt er Brecht, Godard, Müller.
Mit über zwanzig Jahren Verspätung sehe ich seinen ersten Spielfilm. Darin entdecke ich mich als junges Mädchen, mit meinem Lebensgefühl. Da war nichts Rohes, nur Zärtlichkeit so wie ich mich damals versponnen habe in die Sehnsucht meiner aufbrechenden Träume.
Durch Böttcher erfahre ich, daß man Liebe und Distanz braucht, um zärtlich zu sein. Anfang 1990 nachts in LA VILLETTE in Paris.
Inmitten seiner ausgestellten Bilder malt Böttcher das erste große Bild, was ihm bis dato, ohne Atelier, in seiner Neubauwohnung nicht möglich war. Mit unbändiger Lust trägt er Farbe auf. Er singt und tanzt. Die Großzügigkeit des Raumes scheint ihm Flügel zu verleihen. Gleich wird er fliegen, denke ich. Böttcher fliegt schon, wie damals in Leipzig, nachts um den Laternenpfahl.
Film und Fernsehen, 6+7/1991
Thomas Plenert
Die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Jürgen Böttcher ist eines der glücklichsten und wunderbarsten Erlebnisse meines Lebens. Unseren ersten Film, Im Lohmgrund", drehten wir 1976, da war ich noch Student der Filmhochschule. Zwar kannte ich damals weder Jürgen Böttcher noch einen seiner Filme, und selbstverständlich sprach ich ihn mit Sie" an. Er meinte aber, wenn er sich mit einem Kameramann in dieser Form anreden würde, wäre es gerade so, als ob man zu einer Frau, mit der man schlafen möchte, sagte: Ziehen Sie sich bitte mal aus"!
Und mit diesem Film geriet er dann in den ganzen Schlamassel" seines Freundes Wolf Biermann, und ich konnte auf bittere Art mein Mißtrauen bestätigt finden, daß etwas faul ist in diesem Staate. Mein damaliger Babelsberger Betriebsdirektor sagte zu mir, die Partei solle diesen Böttcher doch endlich fertigmachen. Damit war ich für sie restlos verloren.
In Jürgen Böttcher fand ich in völlig gleichberechtigter Arbeit so etwas wie einen Lehrer, und darüber war ich froh. Ihm verdanke ich letztlich mein Wissen über Bilder und die Fähigkeit, diese zu erfinden. Wir haben in unglaublichen Stunden zusammengesessen und über Film, Malerei, Musik, Fotografie und das schöne Menschenleben geredet.
In unserem Zusammensein wurde vieles, was ich vom Leben erwartet habe, Wirklichkeit.
Dafür bin ich meinem Freund Jürgen Böttcher dankbar.
Film und Fernsehen, 6+7/1991
Biofilmografie
Jürgen Böttcher, geboren 1931 in Frankenberg, Sachsen. 1949 - 54 Studium der Malerei an der Akademie für Bildende Künste Dresden. Danach als freischaffender Maler und Dozent tätig. 1955 bis 1960 Regiestudium an der Filmhochschule in Babelsberg. Anschließend Arbeit im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. 1990 zwei große Personalausstellungen in Berlin, internationaler Erfolg als Maler.
Filme (u.a.): 1957 Der Junge mit der Lampe; 1958 Dresden, wenige Jahre danach; 1961 Drei von vielen (verboten); 1962 Ofenbauer; Im Pergamon-Museum; 1963 Silvester; Stars; Charly und Co.; 1964 Barfuß und ohne Hut; 1965 Kindertheater; Karl-Marx-Stadt, gegenwärtiger Bericht und Erinnerung an Chamnitz;
1966 entsteht der Spielfilm Jahrgang 45", der in der Folge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED verboten wird und erst 1990 in der DDR uraufgeführt wird;
1967 Der Sekretär; Wir waren in Karl-Marx-Stadt; Fest der Freundschaft; 1968 Tierparkfilm; Ein Vertrauensmann; 1969 Arbeiterfamilie; 1970 Dialog mit Lenin; 1971 Song I International; 1972 Wäscherinnen; 1974 Erinnere dich mit Liebe und Haß; 1974 Die Mamais; 1976 Großkochberg Garten der öffentlichen Landschaft; 1977 Ein Weimarfilm; Im Lohmgrund; Murieta; 1978 Martha; 1981 Potters Stier; Venus nach Giorgione; Die Frau am Klavichord; 1983 Drei Lieder; 1984 Rangierer; 1985 Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner; 1986 Die Küche; 1987 In Georgien; 1990 Die Mauer.